Das "Gegengift" bei einer DNP-Überdosis? - Gannikus.de

DantrolenDas „Gegengift“ bei einer DNP-Überdosis?

DNP ist eine illegale Substanz, um die man einen großen Bogen machen sollte! Einige Menschen haben bereits mit ihrem Leben bezahlt, nur um ein paar Gramm mehr Fett in kürzester Zeit zu verbrennen. DNP kumuliert im Körper und kann bei Überdosierung zu einem qualvollen Tod durch Überhitzung führen!

In der Welt des Bodybuildings ist man immer wieder aufs Neue überrascht, mit welchen Substanzen versucht wird, den perfekten Körper zu kreieren. Während anabole Steroide, Wachstums- und Schilddrüsenhormone schon fast zum Standardarsenal gehören, ist es doch immer wieder erstaunlich, wenn Berichte über den Missbrauch von Substanzen auftauchen, von denen man zunächst noch nicht einmal gedacht hätte, dass ein Mensch sie zu sich nehmen kann. Auch über 2,4-Dinitrophenol, besser bekannt unter der Abkürzung DNP, dachte man so, bis in den 1930 Jahren verrückte Dinge passierten. Heute gilt der gelbe Stoff als eine der gefährlichsten Schönheitsdrogen überhaupt.

Ursprünglich als Industriechemikalie entwickelt, findet DNP Anwendung in Düngemitteln, Holzlasuren, Insektiziden und sogar Sprengstoffen. Doch als Fabrikarbeiter, die diesen Stoff verarbeiteten, Anfang des 20. Jahrhunderts plötzlich auf wundersame Weise an Gewicht verloren, entdeckte man, dass 2,4-Dinitrophenol auch eine Wirkung im menschlichen Organismus entfaltet. Ohne die molekularen Mechanismen genauer zu beleuchten, sorgt die Substanz bereits in geringen Mengen dafür, dass der Körper die verfügbare Energie weniger in die Produktion von ATP investiert, sondern stattdessen die Thermoregulation steigert.

Im Prozess der Energiegewinnung besteht im letzten Schritt ein Mechanismus, über den der Körper die Wärmeproduktion steigern kann. Sogenannte Uncouplingproteine sorgen bei Aktivierung in der Atmungskette dafür, dass ein Teil der verfügbaren Energie in Wärme umgewandelt wird. Dieser Mechanismus trägt im Normalfall dazu bei, dass eine konstante Körpertemperatur aufrechterhalten werden kann. DNP sorgt nun dafür, dass eine übermäßige Aktivierung dieser Proteine stattfindet. Die Folge ist eine überhöhte Hitzeproduktion sowie eine verminderte Synthese von ATP.


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In Bodybuildingkreisen, aber auch unter Magersüchtigen, wird der Stoff gern verwendet, um über diesen Mechanismus den Kalorienverbrauch unabhängig von körperlicher Bewegung zu steigern. Unter normalen Umständen produziert der Körper nur so viel ATP, wie er gerade benötigt. Wenn aufgrund von DNP jedoch ein ATP-Mangel hervorgerufen wird, da die verfügbare Energie in Form von Wärme abgegeben wurde, versucht der Organismus, immer weiter ATP zu produzieren, wofür die Energie aus der Nahrung und den Fettreserven bezogen wird.

Klingt eigentlich sehr verlockend, sollte man meinen, doch das Ganze hat einen riesigen Haken. Zum einen ist die wirksame Dosis von DNP sehr gering und da entsprechende Produkte nur auf dem Schwarzmarkt zu beziehen sind, kann man sich kaum sicher sein, ob die angegebene Dosierung der Wahrheit entspricht. Zum anderen gibt es aufgrund der extremen Risiken dieses Stoffes kaum pharmakologische Daten und der Grad, in dem jede einzelne Person auf den Stoff reagiert, scheint sehr individuell zu sein. Die Kombination dieser Faktoren führt dazu, dass DNP bei Unachtsamkeit sehr schnell überdosiert werden kann!


DNP – Ein abschreckender Erfahrungsbericht!


Wie man sich jetzt denken kann, sind die Folgen einer Überdosierung extrem schwerwiegend. Während die normale Körpertemperatur beim Menschen zwischen 36,3 und 37,4 Grad Celsius liegt, spricht man bereits ab 38,6 Grad Celsius von Fieber. Steigt die Kerntemperatur noch weiter, denaturieren Proteine im Körper, wodurch Zellen und Enzyme zerstört werden. Die Folge ist Tod durch Hyperthermie. Seit Entdeckung des Stoffes sind bereits über 60 Todesfälle bekannt geworden. Doch welche Maßnahmen gilt es in die Wege zu leiten, wenn man bereits zu viel DNP eingenommen hat?

Diese Frage stellen sich Mediziner weltweit. Die offensichtlichste Herangehensweise ist natürlich die Kühlung des Körpers von außen. Eispacks, kalte Umschläge, Ventilatoren und Eisbäder sind in vielen Fällen jedoch nicht ausreichend. Aufgrund des Schweißverlustes werden meist auch Infusionen angewandt, doch auch das ist nicht immer genug. Seit einigen Jahren verwenden Mediziner daher in einzelnen Fällen den Stoff Dantrolen, um das Problem von innen in den Griff zu bekommen.


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Hierbei handelt es sich einen Stoff aus der Gruppe der Muskelrelaxantien, der die Freisetzung von Calcium-Ionen aus dem sarkoplasmatischen Retikulum hemmt, ohne die Wiederaufnahme zu beeinflussen [1]. In der Notfalltherapie wird Dantrolen daher zur Behandlung von maligner Hyperthermie eingesetzt, die eine seltene, aber lebensbedrohende Komplikation im Zuge einer Narkose darstellt. Der Zustand ist durch ähnliche Symptome wie bei einer DNP-Vergiftung charakterisiert, weshalb sich Mediziner dabei oftmals dieses Mittels behelfen.

In einem aktuellen Review-Artikel im American Journal of Emergency Medicine werden zwei Fälle vorgestellt, bei denen die Verwendung von Dantrolen zur Linderung der Symptome führte [2].

Im ersten Beispiel handelte es sich um einen 22-jährigen Bodybuilder, der mit einer Körpertemperatur von 40 Grad Celsius nach der Einnahme von DNP ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Gemeinsam mit aggressiven Kühlmaßnahmen wurden dem jungen Mann mehrere Dosen Dantrolen innerhalb der ersten 36 Stunden verabreicht. Nach sechs Tagen konnte er aus dem Krankenhaus entlassen werden.


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Beim zweiten Fall handelte es sich um einen 20-jährigen Mann, der ebenfalls mit 40,2 Grad Celsius eingeliefert wurde und mit äußerer Kühlung sowie 200 Milligramm intravenösem Dantrolen behandelt wurde. Zwar normalisierte sich seine Körpertemperatur, jedoch verstarb der junge Mann vier Stunden nach seiner Einlieferung an den bereits verursachten Schäden.

Auch wenn die Gabe des Dantrolens im zweiten Fall das Leben des jungen Mannes nicht retten konnte, deuten beide Fälle darauf hin, dass der Stoff zumindest bei der Behandlung der Symptome hilfreich sein kann. Auch wenige weitere Fälle sind bekannt, in denen Dantrolen eingesetzt wurde und die Behandlung Erfolg zeigte. Doch aufgrund der individuellen und kaum vorhersehbaren Reaktion jedes Einzelnen auf DNP kann auch das Muskelrelaxans nicht immer zum Erfolg führen, wie ein weiteres krasses Fallbeispiel zeigt [3].


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In Großbritannien wurde eine 25-jährige Frau in die Notaufnahme eingeliefert, die laut eigenen Angaben zwei Tabletten DNP genommen hatte, die sie zuvor im Internet bestellte. Aufgrund der Tatsache, dass die meisten Produkte eine Dosierung von 100 bis 200 Milligramm aufweisen, vermuten die Autoren der Fallstudie, dass sie eine Menge zwischen 200 und 400 Milligramm aufgenommen haben muss.

Zwar wies die 45 Kilogramm schwere Britin bei ihrer Einlieferung in das Krankenhaus eine Temperatur von 38 Grad Celsius auf, was lediglich einer erhöhten Körpertemperatur entspricht, doch stieg sie trotz Behandlung mit aktiver Kühlung und 2,5 Milligramm Dantrolen pro Kilogramm Körpergewicht auf lebensbedrohliche 41,5 Grad Celsius an. Allen Maßnahmen zum Trotz entwickelte sie einen extrem hohen Puls von 220 bis 235 Schlägen pro Minute, während ihr Blutdruck rapide abfiel. Schlussendlich starb die junge Frau an einem Herzstillstand und konnte nicht wiederbelebt werden.

Bisher sind nur wenige Fälle bekannt, in denen Dantrolen zur Behandlung einer DNP-Überdosierung angewendet wurde, und der Fall der 25-jährigen Britin war der erste von ihnen, bei dem die intravenöse Gabe keine Linderung der Symptome zeigte. Dennoch zeigen all diese Fälle, wie gefährlich die Einnahme von DNP ist und wie schnell es zu einer Überdosierung kommt, die auch bei rechtzeitiger Behandlung tödlich verlaufen kann. Ein wahres Gegenmittel scheint Dantrolen daher auch nicht zu sein.


Literaturquellen:

  1. Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin: S1-Leitlinie: Therapie der malignen Hyperthermie. Erarbeitet von Werner Klingler, Norbert Roewer, Frank Schuster und Frank Wappler. In: Anästh Intensivmed. Band 59, 2018, S. 204–208, hier: S. 207.
  2. Kopec, Kathryn T., et al. „Role of dantrolene in dinitrophenol (DNP) overdose: A continuing question?.“ The American Journal of Emergency Medicine (2019).
  3. Van Schoor, Jason, Esha Khanderia, and Andrew Thorniley. „Dantrolene is not the answer to 2, 4-dinitrophenol poisoning: more heated debate.“ BMJ Case Reports CP 11.1 (2018): e225323.
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